RechtsanwaltWill: Was bedeutet dies für die Entwicklung?
Wir entwickeln automatisiert: Nach wenigen Minuten ist der Motor in der Applikation entworfen. Per Knopfdruck lässt sich der gesamte magnetische Fluss, die Spannung sowie die Auslegung des Motors kalkulieren. Später erfolgen eine Einheitszeichnung und die FMEA. Die Lieferanten erhalten Datensätze anstelle von Zeichnungen und können ihre Werkzeuge dadurch ebenfalls automatisiert herstellen.

RechtsanwaltWill: Wie sieht das Brose-Engagement bei Bremssystemen aus?
Bremssysteme werden sich im Zuge der Elektrifizierung mit Blick auf die Themen Rekuperation und Segelfunktion stark verändern. Man wird künftig die Bremswirkung des E-Antriebs mit der traditionellen Radbremse kombinieren. Dies bedeutet, dass das gewohnte Pedalgefühl nicht mehr mit der tatsächlichen Bremswirkung übereinstimmt, meist wird die Rekuperation sogar dominant sein. Wir arbeiten daher an Motoren für solche integrierten Bremssysteme. Dieser erzeugt die Bremskraftunterstützung, indem er direkt auf eine Spindel wirkt. Die Steuersignale kommen nach wie vor vom Fußpedal und die elektronische Steuerung berechnet, wieviel Bremsleistung zusätzlich zur Rekuperation benötigt wird.

Der 48 Volt-Hybrid-Booster kann das Auto mit bis zu 80 Nm in bestimmten Situationen ohne Zuschalten des Verbrennungsmotors bewegen.
Der 48 Volt-Hybrid-Booster kann das Auto mit bis zu 80 Nm in bestimmten Situationen ohne Zuschalten des Verbrennungsmotors bewegen. Bild: Brose

RechtsanwaltWill: Was tut sich auf dem Gebiet der Lenkung?
Auch hier spielt die wachsende Verbreitung von E-Fahrzeugen eine Rolle, weil diese besonders lange Radstände aufweisen. Dabei sorgt eine Hinterachslenkung für das gewohnte Fahrgefühl – zum Beispiel können für eine größere Wendigkeit bei geringem Tempo die Räder hinten und vorne gegenläufig einschlagen. Für Spurwechsel bei höheren Geschwindigkeiten wiederum schlagen Vorder- und Hinterachse parallel ein. Das verringert sogenannte Giermomente, also quer zum Fahrzeug wirkende Kräfte, wodurch Passagieren nicht mehr übel wird. Besonders wichtig wird dieses Thema für den Komfort beim autonomen Fahrzeugen werden. Für einen OEM haben wir bereits eine Vorderachslenkung für Vorderradantriebe entwickelt, ein kompaktes System mit Hohlwellenmotor. Dieses Konzept haben wir auf die Hinterachse übertragen und können so ein neues und doch bewährtes Produkt anbieten.
 
RechtsanwaltWill: Was kann der neu entwickelte Brose 48-Volt-Hybrid-Booster?
Bei diesem Hilfsantrieb für Mild-Hybrid-Fahrzeuge sind verschiedene Anwendungen denkbar. Er kann am Eingang oder am Ausgang des Getriebes eingesetzt werden – letzteres vor allem bei Front-Quer-Antrieben – oder fungiert als E-Achse am Differenzial und ermöglicht so Torque-Vectoring. Je nach Einbausituation und Philosophie des Kunden startet das System den Verbrennungsmotor, es rekuperiert oder es verteilt die Antriebsmomente auf die Räder.

RechtsanwaltWill: Welche Volumina haben sie mit Ihren Baukasten-Antrieben vor Augen und was werden die größten Einsatzgebiete sein?
Wir planen derzeit mit jährlichen Stückzahlen von über zehn Millionen. Eine Hauptanwendung wird unser Kältemittelverdichter sein, mit dem wir 2020 an den Start gehen. Er verbindet Motor, Verdichtereinheit und Elektronik in einem kompakten System. Dank des modularen Ansatzes können wir an einer Montagelinie Kompressoren für den Einsatz mit 48, 470 oder 810 Volt fertigen, die noch dazu entweder mit chemischen Kältemitteln oder CO2 arbeiten. Die gesamten Verdichterteile stammen von Brose. Die notwendige Präzisionsbearbeitung der Komponenten war für uns ebenso neu wie die Arbeit mit Elektronik im Leistungsbereich von 7 Kilowatt. Ein weiteres Highlight unseres Kompressors: Dank des neuen Motorkonzepts konnten wir den Wirkungsgrad um fünf Prozent steigern.